Streichsextette des 20. Jahrhunderts

Einführungstext zum 6. Kammerkonzert am 5.7.2005


Richard Strauss (1864-1949):
Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Violoncelli aus der Oper "Capriccio"

Erwin Schulhoff (1894-1942): Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Violoncelli WV 70

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957): Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Violoncelli op. 10 D-Dur

Ausführende:
Gerdur Gunnarsdóttir (Violine), Jana Andraschke (Violine), Martina Horejsi (Viola), Bruno Toebrock (Viola), Daniel Raabe (Violoncello), Eva Böcker (Violoncello)

Kölner Philharmonie, 20 Uhr
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Emanzipation einer kammermusikalischen Ouvertüre

"Capriccio", der Schlussstein im epochalen Opernschaffen von Richard Strauss, ist gleichsam eine Oper über die Oper, bei der die grundsätzliche Frage um das Primat von Wort oder Ton im Zentrum einer in die Gluck-Zeit verlegten Bühnenhandlung steht. Gräfin Madeleine hat zur Feier ihres Geburtstages den Musiker Flamand sowie den Dichter Olivier auf ihr Schloss geladen, die beide ihre Gastgeberin gleichermaßen verehren. Durch ein Fenster im Salon beobachten sie, wie die Gräfin einem von Flamand komponierten Streichsextett mit geschlossenen Augen lauscht, während der ebenfalls im Raum anwesende Theaterdirektor eingenickt ist. Zwischen den Rivalen entbrennt vor der noch unentschiedenen Gräfin ein Streit um die historische Frage: "Prima la musica, dopo le parole" oder "Prima le parole, dopo la musica"? Die Folge ist ein regelrechter Wettstreit der Künste, welcher am Schluss quasi salomonisch aufgelöst wird: "Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne – zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!" ...

Auf der Suche nach der Zukunft

Der Urgroßvater väterlicherseits ein Schüler Chopins, jener mütterlicherseits Erster Konzertmeister am Frankfurter Stadttheater – diese familiäre Vorprägung gab aus selbstbiografischer Sicht Anlass zu einigen Hoffnungen für eine mögliche musikalische Karriere des am 8. Juni 1894 in Prag zur Welt gekommenen Erwin Schulhoff. Die tatsächliche außergewöhnliche Begabung des Knaben erkannte und förderte kein Geringerer als Antonín Dvorák, der dem Siebenjährigen ersten Klavierunterricht bei Heinrich Kaan vermittelte. Schulhoffs weitere Ausbildung führte ihn nach Wien zum Liszt-Schüler Willy Thern, nach Leipzig (u.a. Formenlehre und Komposition bei Max Reger) sowie schließlich nach Köln, wo er zwischen 1910 und 1914 unter der Anleitung von Karl Friedberg (Klavier) und Fitz Steinbach (Dirigat), dem damaligen Leiter der Gürzenichkonzerte, seine Lehrzeit "mit besonderem Erfolg" abschloss ...

Nebenprodukt eines frühreifen Komponisten

Drei Jahre jünger und mit einer noch spektakuläreren Hochbegabung als Schulhoff ausgestattet, reüssierte dessen 1897 in Brünn geborener Landsmann Erich Wolfgang Korngold bereits als 11-Jähriger mit einer eigenen Ballettkomposition in Wien und verblüffte dabei selbst Kapazitäten wie Richard Strauss, Hermann Kretzschmar, Arthur Nikisch oder Engelbert Humperdinck, ja er geriet gar zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen. Auch in seinem Fall trug das Elternhaus wesentlich zur Ausbildung dieses ungewöhnlichen Potenzials bei: Vater Julius, ein gelernter Rechtsanwalt, war "fanatischer Musikliebhaber" (Luzie Korngold) und beschäftigte sich als Musikrezensent mit dieser "heiligen Kunst", die er doch allzu gerne selbst als ausübender Musiker zu seinem Beruf gemacht hätte. Dieser Traum erfüllte sich in seinem jüngsten Sohn, dem er bei der Taufe Mozarts ersten Vornamen mitgegeben hatte ...


Gürzenich-Orchester