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"Kölner Kaleidoskop moderner Kammermusik" |
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Einführungstext zum 1. Kammerkonzert am 12.10.2002 |
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Wolfgang Sallmon: "Der Mensch". Stück für Kontrabass und Sprache (UA) Andreas Pflüger: "Thema mit Folgen" für Gitarre, E-Gitarrre, Kontrabass und E-Bass (UA) Robert Thistle: Drei Sätze für Sopran, Horn und Klavier nach Gedichten von I. Reimann Martin Herchenröder: "Play" für Flöte, Vibraphon und Kontrabass Wolfgang Sallmon: "Tritonus". Quintett für zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba (UA)
Ausführende: Philippe Adam (Klavier), Christoph Baumgartner (Vibraphon), Karl-Heinz Glöckner (Tuba), Karlheinz Gottfried (Posaune), Matthias Jüttendonk (Trompete), Christian Kiefer (Gitarre, E-Gitarre), Matthias Kiefer (Trompete), Mariola Maika (Sopran), Henning Rasche (Kontrabass), Wolfgang Sallmon (Kontrabass, E-Bass), Robert Thistle (Horn), Freerk Zeijl (Flöte)
Kölner Philharmonie, 15 Uhr ___________________________________ |
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Kölner Kaleidoskop moderner Kammermusik |
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Der Besucher des heutigen Konzerts darf mit Fug und Recht behaupten, Zeuge eines musikhistorischen Ereignisses von besonderem Rang zu sein: Nicht weniger als drei Uraufführungen weist der Programmzettel auf, und darüber hinaus erklingen zwei weitere Kompositionen von außergewöhnlicher Besetzung und Machart. Dass zudem mit Wolfgang Sallmon und Robert Thistle gleich zwei der Tonschöpfer auf ihrem Instrument auch noch selbst mit Hand anlegen, um den eigenen Werken zu einer gelungenen Premiere zu verhelfen, unterstreicht deren enge Verbundenheit zu unserer rheinischen Metropole – was übrigens für alle Kompositionen dieses Konzerts gilt, die sämtlich in Person des Komponisten und/oder Widmungsträgers enge Konnotationen zu Köln aufweisen. |
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Menschsein eines Kontrabassisten Wolfgang Sallmon ist Grenzgänger aus Überzeugung. Neben seiner Hauptprofession als Kontrabassist im Gürzenich-Orchester Köln findet sich sein Name auch immer wieder im Zusammenhang mit Stars der anderen musikalischen Hemisphäre, darunter Kurt Edelhagen, Jerry van Royen oder Herbert Grönemeyer. Eben ein Vollblutmusiker, der seinen musikalischen Aktionsradius stetig erweitert, z.B. 1999 durch die Gründung des Kiefer-Sallmon-Projekts gemeinsam mit dem Gitarristen Christian Kiefer – oder aber auch durch eigene musikalische Neuschöpfungen. Als Schüler von Brian Davenport, der wiederum bei Nadia Boulanger in die Lehre gegangen war, fand Sallmon seinen bisherigen Kompositionsschwerpunkt in der Jazz-Musik. Der heute erklingenden Uraufführung "Der Mensch" liegt ein gleichnamiges Gedicht von Oliver Fuhs zu Grunde, das der Solist zur Musik selbst rezitiert. Seit 1981 – dem Jahr der Premiere des Theaterstücks "Der Kontrabass" von Patrick Süskind – findet sich wohl kaum ein Virtuose an der großen Bassgeige, der nicht einmal mit einem beiläufigen Augenzwinkern auf sein musikalisches Dasein und Befinden angesprochen worden wäre. Sallmon gibt hier eine individuelle Antwort, weniger satirisch, aber durchaus mit humorvollen Untertönen inkl. Insider-Anspielungen. So bestehen die "Erinnerungen abgespielt von einer Kassette" bei ihm aus Zitaten der kontrabassistischen Pflichtliteratur: In taktweisem Wechsel erklingen Passagen aus den Konzerten von Karl Ditters von Dittersdorf (D-Dur), Giovanni Bottesini (h-Moll) oder Serge Koussevitzky (fis-Moll). Diese programmatische Komposition selbst ist weder tonal noch atonal angelegt, als textlich-musikalisches Gerüst dient primär der Rhythmus. Die Reflexion über die menschliche Existenz in ihrer Beschränkung und Gebundenheit illustriert der Solist auch mittels diverser Spieltechniken an seinem Instrument: am Steg spielen, mit dem Bogen schlagen, Flageolett etc., eben "reines Musiktheater, reduziert auf eine Person" (W.S.). |
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Folgenschöner Spieltrieb Andreas B. Pflüger wuchs als Sohn des bekannten Basler Kunstmalers Carl Pflüger-Gotstein in einem musisch geprägten Elternhaus auf. Neben einer Ausbildung als Kontrabassist konzentrierte er sein Studium recht bald auf die Komposition, wo Robert Suter ein wichtiger Mentor wurde. Regelmäßige Besuche bei den "Darmstädter Sommerkursen für neue Musik" während der 70er und die dortige Zusammenarbeit mit Koryphäen wie Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, Yannis Xenakis, Rolf Gelhaar oder Siegfried Palm schärften Pflügers Blick für die aktuellen Tendenzen. Mitte jenes Jahrzehnts begann dann auch verstärkt die eigene musikalische Produktion in nahezu allen Gattungen von der Oper über Orchester- und Kammermusik bis hin zu Vokalkompositionen. Berufungen als Experte zu den Internationalen Musikwettbewerben in Genf (1990) oder Markneukirchen (1993) illustrieren Pflügers überregionalen Ruf als Fachmann für moderne Komposition. Neben Vortragsreisen durch die USA oder Südamerika fand und findet der Schweizer immer wieder Zeit für eigene Klangschöpfungen. Über 40 Stücke weist bis heute allein sein kammermusikalisches Werkverzeichnis auf, und für 2003 ist bereits die Premiere seines neuesten Bühnenwerks "Der vergessene Gefangene" angekündigt. Im Umfeld der Prager Uraufführung seiner Oper "Die Physiker" nach F. Dürrenmatt im Jahre 2000 bekannte der Schweizer gegenüber der Basler Zeitung: "Ich bin kein gesellschaftlicher Außenseiter, wohl aber ein vollkommener Individualist. Auch die Physiker sind das. Der Gedanke, sich verrückt zu stellen, ist mir vertraut." Was keinen unmittelbaren Rückschluss auf sein musikalisches Oeuvre zulassen sollte, aber deutlich macht, dass der mittlerweile 61-Jährige sich nicht scheut, Grenzen zu überschreiten. Das tut er auch in dem hier in Welturaufführung erklingenden "Thema mit Folgen", wo er die instrumentalen Barrieren zwischen E- und U-Musik auflöst: "Ein einfaches serielles Thema aus wenigen kontrapunktischen Tonfolgen verändert seine Form und vor allem den Klang während des zeitlichen Ablaufs des Werks. Der klassische Klang der beiden Instrumente Gitarre und Kontrabass wird sehr stark erweitert durch das Einbeziehen von E-Gitarre und E-Bass. Die elektronischen Möglichkeiten sowie die formalen und strukturellen Variationen – von der akustisch-traditionellen Gestaltung über besondere Effekte wie sul ponticello (am Steg), col legno (mit der Bogenstange), hinter dem Steg spielen usw. bis hin zur Aleatorik – ermöglichen die Erzeugung einer stark erweiterten Klangwelt. Diese sich verändernde Klangwelt ist nicht wie bei der herkömmlichen Variationsform eindeutig festgelegt, sondern geht fließend von einer in die andere über. Nein, 'Thema mit Folgen' ist kein Lehrstück für die in die Jahre gekommene musikalische Avantgarde, von denen gibt es ja schon allzu viele in der neuen Musikliteratur, sondern ein Spiel um Stimmungen und Emotionen. Das Werk ist dem Duo Christian Kiefer / Wolfgang Sallmon gewidmet. In diesen Musikern lernte ich zwei hervorragende und engagierte Kollegen kennen." (A.B.P.) |
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Seelengemälde mit Horn Robert Thistle ist – nicht nur – in Köln ein guter Bekannter. Die Domstadt hat er seit einem Vierteljahrhundert zu seinem Lebens- und Wirkungsmittelpunkt erkoren, und so feiert der gebürtige US-Amerikaner dieser Tage sein 25-jähriges Berufsjubiläum als Hornist im Gürzenich-Orchester. Fast ebenso lange betreut er den Nachwuchs an der Rheinischen Musikhochschule Köln, und so entstanden eine Vielzahl seiner Kompositionen für Horn im Umfeld spezifischer pädagogischer Umstände und Erfordernisse. Die "Drei Sätze für Sopran, Horn und Klavier nach Gedichten von Ingeborg Reimann", die 1999 in Eitorf an der Sieg uraufgeführt wurden, gehen indes auf eine außergewöhnliche Repertoirenachfrage zurück, wie sich der Komponist erinnert: "Als ich vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ich auch eine Komposition für Horn, Gesang und Klavier geschrieben hätte, fiel mir auf, dass es sehr wenig Literatur für dieses aparte Genre gibt. Während ich einen geeigneten Text suchte, stieß ich auf einige mir bislang unbekannte Gedichte meiner Frau, die sie unter ihrem Mädchennamen Ingeborg Reimann geschrieben hatte. Drei Gedichte fielen mir gleich auf, als ein besonders günstiger Nährboden für musikalische Darbietung und empfindungsreiche Verknüpfungen zwischen Wort und Ton. Sie sind in Dankbarkeit meiner Frau gewidmet." Tatsächlich erweist sich dieser ungezähmte Lyrikton jugendlicher Expressivität aus den 1960er Jahren als ideales Ausgangsmaterial für eine Vertonung: Das Gedicht "Hoffnung" zeigt den Menschen in seiner Seelenverlorenheit, Verzweiflung und stillen Trauer. Die lange Straße – als Metapher des Lebens – wird hier wie in der Dunkelheit eines Wintertages allein und enttäuscht beschritten, musikalisiert als sich wiederholender Basston im Klavier. Die eigenen Schritte hallen verlassen über die Straße, und der Mensch beobachtet, wie sein Schatten nach dem Vorübergehen an der Laterne immer weiter wächst, bis er vom Schatten der Nächsten verschluckt wird. Stopftöne des Horns, die sich immer weiter von der Harmonie entfernen, stehen "plötzlich in der Mitte wie ein verlorenes Kind". Mitten in dieser düsteren Welt erscheint als Hoffnungsschimmer die neue Liebe, die aber trotz ihres Trostes und der Wärme nicht ausreicht, den alten Schmerz der Einsamkeit endgültig zu löschen; unschlüssig endet der Klavierpart mit einem verminderten Akkord. In "Herbsttag im Dämmerlicht" zeigt die Einsamkeit dann ihre positiven Aspekte: Sie ist Ausgangsbasis für die sensible Wahrnehmung der sich farblich verändernden Natur im sanften Licht des Herbstes. Eine Zwölftonfolge im Klavier suggeriert dabei das Fallen der Blätter, während die Hornmelodie das fahle Herbstlicht nachzeichnet. Die Seele findet in dieser Stimmung eine gewisse Entsprechung ihres Selbst, und der Mensch überwindet nach und nach die Trauer über den nahenden Abschied des Tages, des Jahres und des Lebens. Die mannigfaltigen feinen Veränderungen der Luft und des Lichtes leiten mit solistischen Passagen beider Instrumente ein "hoffendes, sprechendes Schweigen" ein – eine Ausschau und einen Wiederbeginn. Das Gedicht "Leben" schließlich verbindet die Emotionen von Trauer und Freude: hier noch die Nacht, dort schon der Tag, erlöst durch den Zauber und die Schönheit der Liebe. Das Horn kündigt mit rhythmischen Drehungen eine fröhliche Gelassenheit an. Die Seele des Menschen wird leicht, die Gefühle brechen auf, und wie ein neues wachsendes Leben mündet der Stimmungsumschwung in ein berauschendes Fest der Freude. |
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Jugendliche Klangvision zwischen Schönberg und Jazz Martin Herchenröder ist ein Name, der sowohl in der internationalen Kompositions- und Interpretenszene als auch im musikalischen Wissenschaftszirkel aufhorchen lässt. Der 1961 geborene Iserlohner, Schüler u.a. von Wolfgang Stockmeier, Jürg Baur und Hans Werner Henze, erhielt bereits als 31-Jähriger einen Lehrauftrag an der Kölner Musikhochschule, seinem ehemaligen Ausbildungsinstitut, wo er Schulmusik, Kirchenmusik, Orgel, Tonsatz und Komposition studiert hatte. Nur zwei Jahre später erreichte ihn die Berufung als Professor für Musiktheorie an die Universität Siegen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Herchenröder sich längst auch Meriten als Orgelvirtuose erworben, und sein persönliches Werkverzeichnis dokumentierte bereits eine stattliche Zahl von Neuschöpfungen. Auf dem Gebiet der Kammermusik finden sich seit Ende der 80er Jahre Titel wie "Tongitter – Sprachsuche" (1989) für Gitarrenduo, "The Tempest. Imaginäres Theater nach William Shakespeare" (1992) für Flöte und Gitarre, "Stücke über den Tod" (1993) für Violoncello und Klavier, "zunge reden" (2000) für Trompete und Orgel oder "Poems and Variations" (2001) als sein Streichquartett Nr. 1. Dieser gattungsspezifischen Chronologie ging die hier erklingende Komposition "Play ..." voraus, die nach autobiografischer Aussage als jugendliche Studie eines 23-jährigen Tausendsassa der verschiedenen musikalischen Disziplinen bereits 1984 entstand: "Es war die Zeit, in der sich mit zunehmender Deutlichkeit Musik in meinem inneren Ohr meldete, die niedergeschrieben werden wollte. Noch ohne jegliche kompositorische Anleitung suchte ich nach Wegen, Klangvorstellungen, musikalische 'Visionen' möglichst unverfälscht in Noten zu setzen und dabei erste Erfahrungen mit Musik des 20. Jahrhunderts als Anregung und Bezugspunkt zu nutzen. 'Play ...' setzt eine im weitesten Sinne jazzige Rhythmik mit einer Harmonik in Beziehung, die sich in einigen Aspekten an der Musik des Schönberg-Kreises orientiert. Als Inspirationsquelle spielte neben vielem anderen die besondere Klanglichkeit der drei Instrumente eine Rolle, daneben eigene Erfahrungen aus der Improvisation – so sind z.B. drei Formfelder eingebaut, in denen jeweils ein Interpret allein improvisierend zu Wort kommt. Als mich Wolfgang Sallmon, der vor 18 Jahren die Uraufführung mitgestaltete, bat, einer Wiederaufführung dieses Jugendstücks zuzustimmen, habe ich mich seinem Wunsch nicht verschlossen – bei allem Abstand, den ich bei fortschreitender Entwicklung von meinen frühen Kompositionsversuchen gewonnen habe, bei aller Einfachheit der Form (fünfteiliger Bogen, wunderbar 'klassisch') und des Satzes mag das Stück doch als ein Stilexperiment seine Geltung behalten, das eine eigene Atmosphäre und eine gewisse musikantische Frische behalten hat. So soll es heute in der ursprünglichen, unbearbeiteten Form erklingen." |
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Rendezvous mit dem Teufel Die in Uraufführung erklingende Komposition "Tritonus" widmete Wolfgang Sallmon dem Bläserquintett der Kölner Philharmonie und speziell dessen Leiter Matthias Kiefer, dessen "Hartnäckigkeit" (W.S.) die Fertigstellung zu verdanken ist. Das Werk offenbart die ganze klangliche Variabilität eines solchen Blasensembles im musikalischen Spiel mit und über das außergewöhnlichste Intervall innerhalb der wohltemperierten Stimmung. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts galt der Tritonus als "Diabolus in musica", der "Teufel in der Musik", da dieses Intervall als oktavspaltender Dreitonschritt die Harmonie zu einer nicht auflösbaren Dissonanz "verunstaltete". Und weil der Teufel bereits seit dem Mittelalter als unmusikalisch galt, wurde ihm bzw. den mit ihm verbundenen Affekten dieses Intervall aus drei Ganztönen innerhalb der musikalischen Rhetorik zugewiesen und von der Barockzeit bis ins 20. Jahrhundert entsprechend semantisch eingesetzt. Natürlich hat mit Ende der tonalen Zeitalter auch eine Enttabuisierung des Tritonus eingesetzt, und dennoch bleibt diese musikalische Vergangenheit – zumindest unterschwellig – auch im Komponistenbewusstsein gegenwärtig. Sallmon verzichtet in seinem dreisätzigen Werk zwar auf Tonartenbezeichnungen, aber dennoch sind ständig Tritoni erhörbar, denen melodisch oder harmonisch eindeutige Grundtöne zugeordnet werden können. Und dem 3. Satz, der rhythmisch äußerst diffizil gestaltet ist, liegt gar die melodische b-Moll-Skala zu Grunde. Das knapp 30-minütige Werk zeigt sich als virtuose Hommage an jenen Dreitonschritt, von dem der Komponist sagt: "Tritonus ist für mich das Intervall der Intervalle. Das kann und muss man nicht erklären." |
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