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Freiburger Musik Forum CD-Label für E-Musik Sitz: 79117 Freiburg - Schwarzwaldstraße 298a Homepage:
ALUAN-Auftrag: Verfassen von Booklet-Einführungstexten einer CD-Produktion |
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CD-Titel: "Requiem" Werke: Requiem von Giacomo Puccini (1858-1924), "Messa di Requiem" von Ildebrando Pizzetti (1880-1968) und Requiem von Herbert Howells (1892-1983) Interpreten: Camerata Vocale Freiburg Leitung: Winfried Toll Label: Ars Musici (AM 1265-2) Aufnahmedatum: 2000 (VÖ: 2000) Aufnahmequalität: DDD Gesamtspielzeit: 54:44 min. ___________________________ |
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"Jenseits der Opernbühne" |
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Giacomo Puccini und sein Requiem in d-Moll Giacomo Puccini (1858-1924) entstammte einer alteingesessenen toskanischen Musikerfamilie. Sein Vater sowie Generationen vor ihm waren Organisten und Sakralkomponisten gewesen, und nun sollte Giacomo als erster Sohn nach sechs Töchtern diese Tradition fortführen. So bewegte sich der gebürtige Luccaner bei seinen ersten musikalischen Gehversuchen in der Tat zunächst auf rein kirchenmusikalischem Terrain: Als Organist war er an verschiedenen Kirchen Luccas tätig, und er verfaßte eine Reihe von Orgelstücken im Stile freier Improvisationen. Besonders ernst scheint es Puccini um die Fortführung dieser Familientradition indes nicht gewesen zu sein, lehnte er sich doch derart vehement gegen die rigiden Erziehungsmethoden seines Orgellehrers und Onkels Fortunato Magi auf, daß dieser seinen Neffen als "hoffnungslos unbegabt" abstempelte. Zudem soll Giacomo – einer Legende zufolge – seine Freunde dazu angestiftet haben, Orgelpfeifen zu stehlen, um sie beim Trödelhändler zu veräußern. Er selbst habe danach während der Orgeldienste seine ganze Improvisationskunst aufweisen müssen, um jene Töne zu umgehen, deren Pfeifen fehlten.
Geradezu als bewußte Auflehnung gegen die Erwartungen der Familie mag es da erscheinen, daß sich Puccini junior im Alter von 18 Jahren nach dem Erlebnis einer Aida-Aufführung dazu entschloß, die Kirchenmusikerlaufbahn aufzugeben, um sich fortan jener musikalischen Gattung zu verschreiben, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnte: der Oper. Im Jahre 1905, als sich der Italiener mit Werken wie "Manon Lescaut" (1893), "La Bohème" (1896), "Tosca" (1900) und "Madame Butterfly" (1904) längst als der führende lebende Opernkomponist in Europa etabliert hatte, wurde ausgerechnet Puccini vom Verwaltungsrat des Mailänder Altersheims für Musiker, der "Casa di Riposo di musicisti", beauftragt, ein Requiem zum Gedenken an ihren Stifter Giuseppe Verdi zu schreiben.
Nicht nur in Bezug auf Besetzung und Länge, sondern auch hinsichtlich der Stimm- und Melodieführung mutet diese 57-taktige Komposition für dreistimmigen Chor, Orgel und Soloviola wie eine ehrfürchtige Verneigung vor dem Heroen Verdi an. Das Werk, in dem Puccini lediglich die Schlußformel der katholischen Totenmesse "Requiem aeternam dona eis Domine, et lux perpetua luceat eis. Requiescant in pace. Amen" ("Herr gib ihnen die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihnen. Laß sie ruhen in Frieden. Amen") vertont, ist im Tone stiller Trauer gehalten und verzichtet ganz auf jene monumentale Wirkung, wie sie etwa Hector Berlioz, Anton Dvorák oder eben Giuseppe Verdi in ihren Requiemvertonungen erzielen; eher fühlt man sich an die süßliche Tonsprache des Fauréschen Requiems erinnert. Bei der gefühlvollen Melodie der Soloviola im Mittelteil vermeint man sogar konkrete Anklänge an das "Pie Jesu" aus jener 18 Jahre zuvor entstandenen Totenmesse zu vernehmen.
Das in d-Moll gehaltene Stück, von Puccini selbst auf den 14. Januar 1905 datiert, wurde anläßlich des vierten Todestages von Giuseppe Verdi 13 Tage später in der Kapelle der Casa di Riposo im Rahmen einer Trauermesse uraufgeführt. Es handelte sich dabei um eine geschlossene Veranstaltung, an der – die rund dreißig Choristen der Mailänder Scala inbegriffen – höchstens hundert Menschen teilnahmen. Ansonsten wurde das Werk zu Lebzeiten des Komponisten - wohl auf dessen eigenen Wunsch hin - nie öffentlich vorgetragen und auch nicht gedruckt. Erst einen Monat nach Puccinis Tod, am 29. Dezember 1925, erfuhr das rund sechsminütige Requiem eine neuerliche Aufführung: Es erklang im Rahmen eines Gedenkkonzerts zu Ehren seines Schöpfers. Die Einführungsworte zu diesem vom Mailänder Hochschulchor und -orchester unter der Leitung von Arturo Toscanini gestalteten Konzert im städtischen Konservatorium sprach mit Ilbrando Pizzetti ausgerechnet jener Komponist, der sich mit Puccini um 1910 eine heftige musikästhetische Kontroverse geliefert hatte. |
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"Zurück in die Zukunft" |
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Ilbrando Pizzetti und seine „Messa di Requiem“ Der 32 Jahre jüngere Ilbrando Pizzetti (1880-1968) zeigte gleich zu Beginn seiner Musikerlaufbahn eine starke Affinität zur musikalischen Dramatik, und dies nicht nur in der Funktion als Opernkapellmeister seiner Heimatstadt Parma, sondern auch als Komponist zahlreicher Bühnenwerke. Damit arbeitete er praktisch auf dem selben Terrain wie Puccini, und es ist durchaus nachvollziehbar, daß sich Pizzetti 1910, also im Alter von 30 Jahren, mit beißender Kritik aus dem übermächtigen Schatten des Großmeisters Puccini zu lösen versuchte: Puccini sei "ein bourgoiser Komponist, der in seiner Musik lediglich die Verhaltensweisen der Mittelklasse auszudrücken vermöge". Daß diese Auseinandersetzung 15 Jahre später in ein enges und von Respekt geprägtes Verhältnis zwischen den beiden Komponisten gemündet war, bezeugt u.a. Pizzettis Anwesenheit bei der Ankunft des überführten Leichnams von Giacomo Puccini in Mailand, wo er der Familie des Komponisten zusammen mit anderen Musikgrößen zur Seite stand.
Heute zählt Pizzetti gemeinsam mit Alfredo Casella und Gian Francesco Malipiero zu jener Avantgarde, die die italienische Musik zu Anfang des Jahrhunderts zu erneuern suchte. Stilistisch nahm er den Weg über den Impressionismus hin zum Neoklassizismus und griff in seinem Oeuvre, das neben den Bühnenwerken u.a. auch Tänze, sinfonische Kompositionen, Kammermusik, Sonette und Lieder umfaßt, mit Vorliebe auf die Gregorianik und die mittelalterliche Polyphonie zurück. Allem voran aber spielt der Chor bei Pizetti – sei es in den zahlreichen Werken für A-cappella-Chor oder auch innerhalb seiner insgesamt 13 Opern – eine herausragende Rolle, und nicht umsonst bezeichnete ihn später sein Schüler Mario Castelnuovo-Tedesco als den "zweifelsohne größten Vokalpolyphonisten, den Italien seit dem ruhmreichen 16. Jahrhundert besaß".
Die 1922 entstandene "Messa di Requiem" atmet jene klare, architektonische Transparenz, wie sie für die frühe Polyphonie charakteristisch ist. Fast asketisch wirkt der Eröffnungssatz mit einer einstimmigen, der gregorianischen Tradition nachempfundenen Melodie der Bässe. Der ständige Wechsel der Stimmenanzahl im Verlauf des Werkes von der Ein- bis zur Zwölfstimmigkeit geht auf eine aus der Pizzettischen Heimatregion Emilia Romagna übernommene Tradition beim improvisierten mehrstimmigen Volkslied zurück. Mit dem als Fuge intonierten "Kyrie eleison" folgt der erste offizielle Teil der Messliturgie. Das "Dies irae" bildet schon von seinem Umfang her das Zentrum des Werkes. Diesmal ausgehend von tradierten gregorianischen Melodien entwickelt der Komponist eine dramatische Steigerung von der Zweistimmigkeit bis zum achtstimmigen Höhepunkt des Bittrufs "Salva me". Das "Sanctus" demonstriert mit seiner zwölfstimmigen Polyphonie in eindrucksvoller Weise die satztechnischen Fertigkeiten Pizzettis. Hier wie beim anschließenden "Hosanna" verläßt der Komponist phasenweise die mittelalterliche Klangwelt und schafft durch homophone Blöcke immer wieder Ruhepole, die im strahlenden Dur münden. Dem in seinem Charakter meditativen "Agnus Dei" folgt abschließend das "Libera me", das wieder vollends zur anfänglichen neo-mittelalterlichen Polyphonie zurückkehrt und damit das Werk gleichsam wie eine Klammer umschließt. Übereinstimmend wird diese A-cappella-Komposition als der Höhepunkt im Vokalschaffen des 1968 verstorbenen italienischen Komponisten Ilbrando Pizzetti bezeichnet. |
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"Reflexion einer privaten Tragödie" |
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Herbert Howells und sein Requiem Ähnlich wie Puccini hat der britische Komponist Howells seine Requiemvertonung einige Jahrzehnte der Öffentlichkeit vorenthalten, wenn auch aus völlig anderen Motiven. Herbert Norman Howells wurde 1892 in Lidney (Gloucestershire) geboren. Seine musikalische Ausbildung erhielt er zunächst beim Organisten und Chordirektor der Kathedrale in Gloucester, wo er auch Sängerknabe war, später am Royal College of Music in London. Hier zählte u.a. der bedeutende Kirchenkomponist Charles V. Stanford, der ihn als "Sohn in der Musik" quasi künstlerisch adoptierte, zu seinen Lehrern. Neben der intensiven kompositorischen Tätigkeit - Howells schuf neben Chorwerken und Liedern auch sinfonische Kompositionen, Konzerte, Kammermusik sowie Orgel- und Klavierstücke – wirkte der Sohn eines Kleinunternehmers als Organist an verschiedenen Kirchen, als Kompositionslehrer an seiner einstigen Ausbildungsstätte sowie als Professor für Harmonielehre und Kontrapunkt am Londoner Morley College. 1935 trat er die Nachfolge von Gustave Holst als Musikdirektor an der Londoner St. Pauls Girls School an und erhielt 1952 eine Professur für Musik an der dortigen Universität. Nach einem erfüllten musikalischen Leben starb Herbert Howells hochgeehrt im Alter von 90 Jahren und wurde neben so bedeutenden englischen Musikerpersönlichkeiten wie Ralph Vaughan Williams und Edward Elgar in Westminster Abbey beigesetzt
Mit seinem Requiem, einem unter nahezu 200 Chorwerken Howells', gelang dem einstigen Musterschüler des Londoner Royal College of Music ein Meisterstück. Trauriger Anlaß für diese 1936 entstandene Komposition des Musikers war der Verlust seines Sohnes, der im Jahr zuvor neunjährig an Meningitis gestorben war. Dieser Schicksalsschlag traf Howells schwer, und die vornehmlich geistliche Musik, die er in den folgenden Jahren schrieb, spiegelt in eindrucksvoller Weise seine emotionale Ergriffenheit ob dieses erschütternden Ereignisses wider. Manche der in dieser Zeit entstandenen Kompositionen gab der in bezug auf negative Kritik überempfindliche Tonsetzer weder zur Aufführung noch zur Veröffentlichung frei: so auch sein Requiem für gemischten Chor a cappella, das er sage und schreibe 44 Jahre lang, also bis 1980, unter Verschluß hielt. Die Partitur des phasenweise doppelchörigen, teilweise bis zu zehnstimmigen Chorwerks enthält zwar eine Orgelstimme; Howells verweist aber nachdrücklich darauf, daß das Kircheninstrument nur, falls unbedingt erforderlich, eingesetzt werden solle. Vom textlichen Ablauf her orientiert sich der Brite, der zu den bedeutendsten Kirchenkomponisten Englands im 20. Jahrhundert zählt, an dem 1915 von seinem Musikerkollegen Sir Walford Davies "zum Gedächtnis der Toten aus dem Krieg" verfaßten Kleinen Requiem in D-Dur, das mit der englischen Übersetzung des "Salvator mundi" ("Erlöser der Menschheit") beginnt, Psalm 23 ("Der Herr ist mein Hirte"), das "Requiem aeternam" ("Herr, gib ihnen ewige Ruhe"), Psalm 121 ("Meine Hilfe kommt vom Herrn") sowie eine weitere Fassung des „Requiem aeternam“ folgen läßt und mit den Worten der Offenbarung des Johannes 14 ("Ich hörte eine Stimme vom Himmel") schließt.
Herbert Howells, zu dessen musikalischen Vorbildern u.a. E. Elgar, R. Vaughan Williams, aber auch Palestrina gehörten, lehnte musikalische Avantgarde-Experimente, wie sie während dieser Zeit in Europa und den Vereinigten Staaten en vogue waren, rigoros ab und war stets darauf bedacht, komplexe metrische Musik mit frei fließener Melodik zu schaffen. Folgerichtig läßt sich sein Werk keiner der zahlreichen Schulen bzw. Gruppen zuordnen, und auch eine Beschreibung seines Persönlickeitsstils, der sich ebenso aus der traditionsreichen englischen Chormusik wie aus der Vokalpolyphonie der Renaissance speist, fällt schwer. In seiner Einzigartigkeit ist Howells indes zu einem unverzichtbaren Pfeiler der britischen Musiktradition geworden. [arb] |
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