|
Konstantin Wecker auf der Suche nach neuen Ufern - Der Songpoet auf Konzertreise [Rundfunkmanuskript vom Mai 1994] Konstantin Wecker, Noch-Münchener, auf der Suche nach neuen Ufern in persönlicher wie musikalischer Hinsicht. Während einer Konzertreise äußerte er sich zu seinem bevorstehenden Umzug nach Wien und zu seinen musikalischen und literarischen Plänen.
Musik-Take 1: "Uferlos" (2:24min.)
Konstantin Wecker, der Ur-Münchener, übersiedelt nach Wien - diese Schlagzeile wird mancher Wecker-Fan für eine Zeitungsente gehalten haben. Dieser Mann, der seiner Heimatstadt eine Reihe von Liebesliedern gewidmet hat, der ein fast erotisches Verhältnis zu seiner Isar pflegt, soll seine Zelte hier abbrechen?
O-Ton (1:11min.): "Es fällt mir sehr viel schwerer, aus München wegzugehen als aus Deutschland. Klar, da ist die Isar, da ist mein Geburtsort und da komm ich her. Mit Deutschland verbindet mich außer der Sprache nichts. Und die Wiener sprechen meine Sprache, ich versteh' sie und sie verstehen mich. Da ist es natürlich sehr günstig, mal auch sich dieses Land - was ich ja auch schon getan habe - aus der Sicht der Österreicher, die ja Ausländer sind, aus der Sicht der Italiener, weil ich ja auch in Italien sehr oft bin, anzusehen; und man kriegt schon ein - durch diesen Abstand - mulmiges Gefühl, wenn man sich dieses Deutschland, das so verzweifelt versucht, nach dem Krieg anständig zu sein, nichts Böses zu tun, demokratisch zu sein, ansieht; wie da so Vieles aus dem Ruder läuft, wie sie sich keine Emotionen mehr zutrauen, keinen Irrweg mehr gestatten. Und ich kann das ja alles historisch verstehen. Nur ich muß ja nicht alles lieben, was ich historisch verstehe. Ich hab' offen über mein Gefühl gesprochen, dann heißt es sofort, das ist pathetisch. Die Italiener würden das nie als negativ ansehen, was ich als Gefühle zeige, sondern: Das ist pathetisch, das ist irrational, sie würden es lieben, sie würden sagen, so muß ein Mensch sein."
Musik-Take 2: "Ich habe Angst" (3:11min.)
Wecker hat immer gesagt, waw er dachte, und er ist sich dabei bis zum heutigen Tage treu geblieben. Es gehört auch ein gerüttelt Maß an Größe dazu, zugeben zu können, daß man nicht nur Angst um die Nation, sondern auch Angst um sich selbst hat. Nach so vielen Jahren der musikalischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Alltag stellt sich auch die Frage, ob das Engagement des mittlerweile 47jährigen Einzelkämpfers Wecker angesichts der politischen Realität nicht ermüdet:
O-Ton 2 (3:11min.): "Ja, das Engagement würde ermüden. Die Wut ermüdet nicht, die streckenweise auftaucht. Das Gefühl, das ich vielleicht mit 19 noch ein bißchen hab', daß die Welt anders würde, das ist ermüdet. Das heißt aber nicht, daß ich aufgebe, das heißt überhaupt nichts. Ich meine, auch wenn man das Gefühl hat, man wird garantiert nichts an der Welt verändern, dann weiß man doch, daß man unheimliches Licht in die Augen der Menschen zaubern kann in meiner Situation als Künstler, und das genügt ja schon. Ich muß nicht die Welt verändern."
Musik-Take 3: "Was ich an dir mag" (3:12min.)
Wecker ist immer noch der Vollblutmusiker mit einem Charisma, dem sich kaum ein Zuhörer entziehen kann. Sein Freund Dieter Hildebrandt schrieb über ihn: "Er hat Lieder für zwei Nächte. Ein Publikum, das sich einig wäre darüber, ihn nicht nach Hause kommen zu lassen, hätte CHancen, sein gesamtes Repertoire zu hören. Konstantin ist ein musikalischer Triebtäter." Was war in den letzten Jahren nicht alles von Wecker zu hören: ein Ausflug in die Welt des Jazz gemeinsam mit Wolfgang Dauner und Charlie Mariano, die Orchesterarrangements seiner Lieder mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Peter Herbolzheimer oder zuletzt die von Pop-/Rockelementen geprägte CD "Uferlos". Nun musiziert er wieder mit einem kleinen Ensemble, Jo Barnikel an den Keyboards und Norbert Nagel an Saxophon und Klarinette. Hat der Mittvierziger Konstantin Wecker noch musikalische Visionen?
O-Ton 3 (0:58min.): "Das was wir im Moment machen, ist für mich eigentlich eine musikalische Vision. Ich bin noch nie musikalisch so filigran, hinterhältig und auch einfach gewesen, wie ich's im Moment bin mit diesem Trio. Das ist ein umheimlich schönes Gefühl, mit den Leuten improvisieren zu können und auf Zuruf - auf Zublick muß man ja sagen - umspringen zu können von einer Stimmung in die andere. Das ist eine Qualität, die ich bis jetzt noch nie erreicht hatte in dem Maß. Also man sieht, daß man immer wieder - gerade als Musiker - immer wieder neue Qualitäten kriegen kann und neu dazulernen kann. Und es gibt noch eine Vision, die ich schon vor 15 Jahren hatte, die auch schon mal in der Presse geistert, weil ich halt nie mein Maul halten kann, dummerweise: Das ist das von der sogenannten Oper, und wie es jetzt wirklich aussieht - ich halte schon wieder mein Maul nicht - wird es also in Wien, wenn ich nach Wien übersiedeln werde, jetzt im Januar, wird das in Wien in Angriff genommen werden."
Musik-Take 4: "Ich singe, weil ich ein Lied hab" (2:08min.)
Die Glaubwürdigkeit ist Weckers Potential - nie populistisch orientiert, immer unbequem geblieben. Ein gern gesehener Gast in Talkshows oder Kabarettsendungen dank der Bereitschaft, für seine Überzeugungen wortstark einzutreten. Aber seine Lieder werden kaum gespielt. - Was hat sich der Liedermacher für die nächsten Monate vorgenommen?
O-Ton 4 (0:34min.): "Wir nehmen im Juli eine CD auf, in kleiner kammermusikalischer Besetzung. Nichts Poppiges, nicht, was der Rundfunk spielt - der spielt mich sowieso nicht - also ist es eh wurscht, was ich schreib'. Und ich werde einen Gedichtband herausbringen; ich schreibe nicht - der Verlag hat sich's gewünscht - einen zweiten Roman; natürlich weil sich der erste gut verkauft hat. Aber ich glaub', das Gedicht ist eine sehr wichtige Sache. Weißt Du, ich bin seit 46 oder 47 Jahren doch sehr aufrichtig geblieben, und wenn ich mich jetzt noch umdrehen sollte oder aus kommerziellen Gründen was mach', dann müßt' ich dumm geworden sein. Das hätte ich dann schon mit 19 machen können."
Wecker also wieder auf dem Weg zu neuen Ufern - man darf gespannt sein, welches musikalische und literarische Neuland er noch für uns bereithält.
Musik-Take 5: "Questa nuova realta" (4:46min; einblenden ab 1:59 möglich)
[Autor & Interview: Alexander Reischert; Redakteur: Inge Ivanovic; Länge: 3 Zeilen Anmoderation, 35 Zeilen Text - DW: Deutsches Programm Musik / DP Musik / ZR-Musik / TS-Musik] |
|