Robert Shaw

"Charismatischer Eiferer"

In den USA ein Superstar, doch hierzulande nahezu unbekannt; so in etwa läßt sich die Popularität jenes Musikers skizzieren, der innerhalb eines halben Jahrhunderts die Chormusikszene Nordamerikas professionalisierte und bis zu seinem Lebensende an ihrer Spitze stand. Robert Lawson Shaw, 1916 in Kalifornien als Sohn eines Predigers geboren, geriet eher zufällig an das Dirigentenpult, als er während seines Literatur-, Philosophie- und Theologiestudiums für einen erkrankten Dirigenten einsprang. Von diesem Tag an war sein weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Anfang der 40er Jahre gründete der Kalifornier seinen ersten Chor, 1948 dann den "Robert Shaw Chorale", der Musikgeschichte schreiben sollte.

Anerkennung durch Toscanini
Kein geringerer als Arturo Toscanini verpflichtete mehrmals jenes Gesangsensemble und äußerte danach über dessen Leiter: "Endlich habe ich in Robert Shaw jenen Maestro gefunden, nach dem ich immer suchte." Bereits 1943 hatte die National Association of Composers and Conductors den Kalifornier als "Amerikas größten Chordirigenten" ausgezeichnet.
Shaw war es auch, der bei Paul Hindemith die Komposition eines größeren Werks für Chor und Orchester orderte. Daraus entstand das sogenannte "Flieder-Requiem", das am 5. Mai 1946 in New York unter der Leitung des Auftraggebers erstmals erklang. Auch in den Folgejahren realisierte der Dirigent Uraufführungen von Werken so namhafter Komponisten wie Samuel Barber, Leonard Bernstein, Benjamin Britten oder Aaron Copland.

Musikalische Heimstatt Atlanta
Mit Welttourneen durch Europa, die Sowjetunion, Lateinamerika und den Mittleren Osten machte sich Robert Shaw mit seinem Chor auch außerhalb der Staaten einen Namen. Sein wichtigstes Arbeitsfeld blieb aber weiterhin die USA, und seit 1967 speziell Atlanta/Georgia, wo er das dortige Sinfonieorchester übernahm und einen neuen Chor etablierte, mit dem er eine Vielzahl von Einspielungen vornahm. In kürzester Zeit wurde Shaws neue künstlerische Heimat zu einem Fixpunkt auf der musikalischen Landkarte Amerikas. Den wichtigsten Musikpreis des Landes, den "Grammy", durfte Robert Shaw insgesamt 14mal entgegennehmen, zahlreiche persönliche Auszeichnungen gipfelten in seiner Ernennung zum Mitglied des National Council of Arts durch den damaligen Präsidenten Jimmy Carter.

Ein charismatischer Prediger
Am 25. Januar 1999 starb Shaw 82jährig in New Haven/Connecticut und hinterließ der amerikanischen Chormusikszene ein wohlbestelltes Feld. Viele seiner Musikerkollegen bezeugen das einzigartige Charisma jenes Dirigenten, über den es in einem Nachruf hieß: "Vieles an Robert Shaw erinnerte an einen begeisternden Prediger. Vor Gruppen der kuriosesten Zusammensetzung konnte er verführerisch und einschmeichelnd, ja inspirierend auftreten, aber auch Angst und Schrecken verbreiten. Er besaß den Feuereifer eines Evangelisten, gepaart mit dem Zwang des Moralisten, ein Licht in der Dunkelheit entzünden zu müssen."
[Alexander Reischert; erschienen in: Cantate]

CD-Tipps

P. Hindemith: "When Lilacs Last in the Dooryard Bloom’d" (dt.: "Flieder-Requiem"); Atlanta Symphony Orchestra & Chorus u.a. - Telarc CD-80132 (1987) [Grammy-Award]

J. Adams: „Harmonium“ u. S. Rachmaninow: „The Bells“; Atlanta Symphony Orchestra & Chorus u.a. - Telarc CD-80365 (1996) [Grammy-Award]

A. Dvorák: „Stabat Mater“; Atlanta Symphony Orchestra & Chorus u.a. - Telarc 2CD-80506 (1999) [letzte Einspielung]




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