Hiob in der Chormusik

Leidensfähigkeit im Glauben

"Was ist meine Kraft, daß ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, daß ich geduldig sein sollte? Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz. Hab’ ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?" (Hiob 6, 11-13)

Kaum eine Figur des Alten Testaments ist so zeitlos wie die des Hiob. Sie beleuchtet exemplarisch eine Grundfrage der menschliche Existenz: Warum trifft mich ein Unglück, warum muß gerade ich leiden? Und für einen gläubigen Menschen wie Hiob lautet folgerichtig die Anschlussfrage: Warum lässt Gott so etwas zu? Wie kann er sehenden Auges soviel Furchtbares geschehen lassen?

Eine göttliche Wette
Der biblische Hiob ist ein frommer und rechtschaffener Mann, der mit Frau und Kindern sorgenfrei im Wohlstand lebt. Satan behauptet nun gegenüber Gott, diese Frömmigkeit Hiobs sei nicht wirklich verinnerlicht, sondern stehe und falle mit dessen Reichtum und Wohlleben. Um diese Behauptung zu widerlegen, lässt Gott Satan freie Hand. So verliert Hiob zunächst seinen Besitz, dann sterben seine Söhne und Töchter, und schließlich befällt ihn selbst eine schwere Krankheit. Doch in allem Unglück erweist sich Hiobs Glaube als resistent, auch wenn er den Sinn seines Leidens mehrfach hinterfragt. Gerade die Klagen des Hiob machen die lebensnahe und jederzeit aktuelle Dimension dieser biblischen Figur aus. Nach einem Streitgespräch mit drei Freunden und einer Antwort von Gott selbst wendet sich das Schicksal: Hiob gewinnt seinen Reichtum zurück, er freut sich über neuen Nachwuchs und lebt in bester Gesundheit, bis er im stattlichen Alter von 140 Jahren stirbt.

Paradigma einer irdischen Existenz
Es nimmt nicht Wunder, daß gerade dieser biblische Lebenslauf aufgrund seiner immerwährenden Aktualität im Verlauf der Musikgeschichte eine nahezu ununterbrochene Vertonungstradition erfahren hat. Die "Historia di Job" (um 1660) von Giacomo Carissimi bildet die Vorstufe zu einer sich herausbildenden breiten Oratorientradition seit Beginn des 18. Jahrhunderts. In Bologna (1688 von Pirro d’Albergatti-Capacelli), Wien (1725 von Giovanni Perroni) oder Barcelona (1796 von Francisco Queralt) wurden nun europaweit oratorische Uraufführungen zu Hiob präsentiert. Ein Alterswerk von besonderer Güte erklang im April 1786 erstmals in Wien: "Giobbe" von Carl Ditters von Dittersdorf für Soli, Chor und Orchester zeichnet sich durch eine besondere Dramatik aus, die der 47-jährige Komponist mittels wechselnden Einsatzes bzw. Verknüpfung von Rezitativen, ariosen Passagen und kurzen Choreinwürfen erreicht. Das rund zweistündige Oratorium mit bemerkenswert hohem Choranteil wurde drei Jahre später bei der Berliner Erstaufführung unter Mitwirkung von 232 Instrumentalisten und 80 Choristen auch dort zu einem grandiosen Erfolg. Das 19. Jahrhundert brachte eine weitere Verdichtung der Sujetvertonungen, und die Wahl der musikalischen Form wurde vielfältiger. Nun fand diese Figur auch Eingang in Oper und Operette, daneben nutzten KomponistInnen aber auch verstärkt die kleinere musikalische Passform der Kantate für eine Ausgestaltung dieses biblischen Plots.

Hiobsbotschaft für Berlin
Als 1831 die Choleraepidemie über Berlin hereinbrach, begann Fanny Hensel-Mendelssohn, die Schwester des berühmten Komponisten, mit der Niederschrift ihrer rund 15-minütigen "Hiob"-Kantate für Soli, Chor und Orchester. Hier führte das unmittelbare persönliche Erleben von Leid und Verzweiflung zur Wahl dieses Sujets. Zu den rund ein Dutzend Tondichtern, die bis zur Jahrhundertwende ein Hiob-Oratorium zu Papier brachten, zählt auch der Brite Sir Hubert Parry. In seiner vierteiligen Komposition von 1892 übernimmt der Chor die dramaturgische Rolle der Stimme Gottes und dominiert so das ganze Werk: Die erste Szene illustriert den Wohlstand Hiobs, der wegen besagter Wette in der zweiten Szene durch das zerstörerische Wirken Satans zunichte gemacht wird. Im folgenden Abschnitt stimmt der verzweifelte Hiob seine Klagelieder an. Der mit 410 Takten längste Abschnitt des Oratoriums eröffnet die letzte Szene, in der das gesamte Gotteswort des 38. Kapitels durch den Chor vorgetragen wird. Nach der Einsicht Hiobs berichtet der Erzähler noch in einem kurzen Epilog von der positiven Wende in der Existenz des Protagonisten.

Hiob schreibt Musikgeschichte
Als Eckpunkt einer nationalmusikalischen Geschichtsschreibung gilt das Hiob-Oratorium des estnischen Tonschöpfers Artur Kapp aus dem Jahre 1931. Dieses einer spätromantischen Klangwelt verhaftete Werk, in dem der Komponist von der Leitmotivtechnik Gebrauch machte, wurde mit der Besetzung Estlands durch die Sowjetarmee auf den Index gesetzt und erst 1997 wiederentdeckt. Der Chor greift dabei als gemischter, Männer-, Frauen- und Kinderchor mit vielfältigen Klangschattierungen maßgeblich in das Geschehen ein. Im 20. Jahrhundert wimmelt es geradezu von musikalischen Hiobsbotschaften. Weit über 30 Kompositionen finden sich zu diesem Thema allein unter den Oratorien und Kantaten der jüngeren Zeit. Auch prominente Namen sind darunter zu entdecken, so der des italienischen Zwölftöners Luigi Dallapiccola, der 1950 seine Sacra rappresentazione "Job" für Soli, Sprecher, gem. Chor und Orchester komponierte. Dem Niederländer Ton de Leeuw wurde 1956 für sein gleichnamiges Radiophonisches Oratorium der Premio Italia zuerkannt. Bewußt gegen eine allzu avantgardistische Vertonung entschied sich 1993 der Komponist Jürgen Blume bei seinem Hiob-Oratorium: Dafür sei "das Thema 'Vom Leiden guter Menschen' zu wichtig und zu ernst", vielmehr müsse solch ein Werk auch mit einem Laienchor aufführbar sein. Sein dreiteiliges Opus lebt von einer dichten Leitmotivik, daneben finden sich sporadisch traditionelle Formen wie Acccompagnato-Rezitativ, Passacaglia oder Kanon. Der Chor übernimmt sowohl die dramatische Rolle der Stimme Gottes wie den reflektierenden Part der Gemeinde – letzterer vergleichbar mit den Passionschorälen Johann Sebastian Bachs. Aber was macht den offensichtlich epochenübergreifenden Reiz dieser Figur aus?

Ein guter Bekannter
Hiob ist kein Schriftgelehrter, kein Fundamentalist, und er wird auch nicht zum göttlichen Propheten. Gerade deshalb empfinden viele eine besondere Nähe zu dieser Figur, die durch ihre unvollkommene Menschlichkeit, verbunden mit ihrer verblüffenden Konsequenz im Glauben von anregender Faszination ist und noch lange bleiben wird: "Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!" (Hiob 1, 21-22)
[Alexander Reischert; erschienen in Cantate]

CD-Tipps

"Job". Oratorium von H. Parry: Peter Coleman-Wright (Baß), Toby Spence (Tenor), Neal Davies (Bariton), Jaime Morgan Hitchcock (Knabenstimme); Guilford Choral Society; Royal Philharmonic Orchestra; Ltg.: Hilary Davan Wetton - Hyperion CDA 67025 (1998)

"Hiob". Oratorium von A. Kapp: Taimo Toomast (Bariton), Mart Mii und Mati Palm (Bässe), Urve Tauts (Mezzosopran); Chor für Oratorien, Nationaler Männerchor und Knabenchor, Staatliches Sinfonieorchester Estland; Ltg: Neeme Järvi - Eres CD 21 (1997)



Zeitgenössische Repertoire-Tipps

Jürgen Blume (*1946)  "Hiob – Vom Leiden guter Menschen"   Oratorium für Soli (STBarB), vierstimmigen gem. Chor, Streichorchester und Schlagzeug  Strube-Verlag (ISMN: 2009-2276-9) 
Gerhard Deutschmann (*1933)  "Hiob-Paraphrasen"   Komposition für Männerchor a cappella  Wolfgang G. Haas Musikverlag (ISMN: 50000-298-7) 
Klaus Huber (*1924)   "Hiob 19"   Komposition für vierstimmigen Chor und 9 Instrumentalisten  Ars Viva (ISMN: 2001-0085-3)
 
Ulrich Gohl (*1930)  "Gottes armer Mensch"   Singspiel für Soli, Sprecher, Kinderchor, Gitarre, Schlagwerk, Tasteninstrument und Melodieinstrumente ad libitum  Carus-Verlag (ISMN: 007-02895-4) 
Hermann Haller (*1914)  "Hiob"   Oratorium für Soli (SBar), gem. Chor, Orgel und Orchester  Heinrichshofen’s Verlag (ISMN: 2044-6239-1) 



Schmöker-Page
Musikstadt Dresden