|
"Dresden war eine wunderbare Stadt, voller Kunst und Geschichte ... Die Vergangenheit und die Gegenwart lebten miteinander im Einklang. Eigentlich müßte es heißen: im Zweiklang. Und mit der Landschaft zusammen, mit der Elbe, den Brücken, den Hügelhängen, den Wäldern und mit den Gebirgen am Horizont, ergab sich sogar ein Dreiklang. Geschichte, Kunst und Natur schwebten über Stadt und Tal, vom Meißner Dom bis zum Großsedlitzer Schloßpark, wie ein von seiner eigenen Harmonie beschwingter Akkord ...“
Diese wehmütige Erinnerung Erich Kästners bezieht sich auf die Zeit vor dem 13./14. Februar 1945 zurück, als Hunderttausende von Bomben auf jene Stadt niedergingen, die von Johann Gottfried Herder einst aufgrund ihrer Schönheit und kulturellen Bedeutung als das „Elbflorenz“ geadelt worden war. Innerhalb von kaum mehr als zwölf Stunden wurden 15 Quadratkilometer der sächsischen Metropole pulverisiert, darunter zentrale Wahrzeichen und Orte einer jahrhundertealten Musikpflege wie Frauenkirche, Semperoper und Kreuzkirche.
Eine klaffende Wunde Die Kultur lag am Boden, aber nicht lange: Bereits am 4. August 1945 wirkte der Kreuzchor bei der ersten Nachkriegsvesper im ausgebrannten Gotteshaus wieder mit – und setzte damit eine rund 600jährige Musiktradition von europäischem Rang fort. Zehn Jahre später sollte der damals amtierende Kreuzkantor Rudolf Mauersberger diesem Fanal mit seinem "Dresdner Requiem" ein musikalisches Denkmal setzen. Seine Leistungen für die Wiederbelebung der (Chor-)Musikszene in Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg ist gar nicht hoch genug zu bewerten; natürlich sah er sich auch historisch in die Pflicht genommen, die Tradition seines seit 1540 bestehenden Amtes fortzusetzen. Zu den prominentesten Vorgängern zählten etwa Gottfried August Homilius oder der Wagner-Lehrer Christian Theodor Weinlig, nach Mauersberger folgten u.a. Martin Flämig sowie der aktuelle, 28. Kreuzkantor Roderich Kreile. Auch das zweite Rückgrat der städtischen Musiktradition bildete ursprünglich ein Chor: Am 22. September 1548 unterzeichnete Kurfürst Moritz die Stiftungsurkunde für die Dresdner Hofkantorei, die zukünftig für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste in der Schloßkapelle verantwortlich sein sollte. Doch bereits sieben Jahre später wurden neben den Sängern auch erste Instrumentalisten verpflichtet, und die Hofkapelle (seit 1919 "Staatskapelle") entwickelte sich zu einem der führenden europäischen Orchester, das Jean-Jacques Rousseau als das "vollendetste und um am besten zusammengesetzte Ensemble" seiner Zeit adelte und Richard Wagner später – fast schon poetisch – als "Wunderharfe" bezeichnete.
Internationale Pultprominenz Große Namen gaben sich in Dresden ein Stelldichein und wurden zu Musikdirektoren dieses Ensembles berufen: so z.B. Heinrich Schütz (1617-72), Johann David Heinichen (1717-29), Johann Adolf Hasse (1731-63), Johann Gottlieb Naumann (1776-1801) oder Carl Maria von Weber (1817-24), um die Auswahl auf eine Handvoll auch als Komponisten herausragender Musiker zu beschränken. Seit Ernst von Schuch (1884-1914) übernahm der Orchesterleiter auch gleichzeitig das Generalmusikdirektorat der 1878 nach einem Brand wiedereröffneten Semperoper. Natürlich fanden sich eine Vielzahl weiterer Tondichter ein, die auch, ohne jemals eines dieser beiden Ämter besetzt zu haben, in der Dresdner Musikhistorie einen Ehrenplatz zuerkannt bekamen. Jan Dismas Zelenka beispielsweise erhielt 1735 den Titel eines "Kirchen-Compositeurs" – und der tschechische Großmeister brachte nicht weniger als 20 Messen, drei Oratorien und zahlreiche weitere geistliche Kleinkompositionen zu Papier. Wie er wirkten viele bedeutende Chormusikschöpfer bis zu ihrem Tod in Dresden, so u.a. Felix Draeseke, Nicolaus Adam Strungk oder Karl Gottlieb Reissiger, dessen Grab man bei einem Besuch auf dem Trinitatis-Friedhof (Fiedlerstraße) neben den ewigen Ruhestätten des Kreuzkantors Julius Otto oder des Schumann-Schwiegervaters Friedrich Wieck dort besuchen kann.
Klingende Spuren Für einen ausgiebigeren Musikspaziergang lohnt sich neben der unverzichtbaren Semperoper ein Blick in den Bürgergarten zwischen Rathaus und Großem Garten, wo man u.a. die 1991 restaurierte Mozart-Skulptur von Hermann Hosaeus (1907) findet. Und ein Besuch im Stadtteil Hosterwitz führt den Musikfreund auf die Dresdner Str. 44 zum Gedenkhaus Carl Maria von Webers, der übrigens nicht nur den "Freischütz" komponierte, sondern auch drei Messen sowie eine Vielzahl weltlicher Chorstücke hinterließ. Wobei wir bei den großen musikalischen Söhnen und Töchtern der Stadt (neben Schütz und Weber) wären: die Dirigentenlegende Fritz Busch, der in den 20er Jahren in der Semperoper Verdi- und Strauss-Opern zelebrierte und ab 1933 als "Judenfreund" seine Arbeit hierzulande nicht fortsetzen durfte; der weltberühmte Orgelbauer Gottfried Silbermann, dessen einzig unzerstörte Dresdner Orgel heutzutage in der Hofkirche zu sehen und zu hören ist; die beiden Tanzikonen Mary Wigman und Gret Palucca, die vor der nationalsozialistischen Machtübernahme die sächsische Metropole zu einer Welthauptstadt des Balletts machten und den sog. „Ausdruckstanz“ kreierten; der große Tenor und ehemalige Kreuzchorsänger Peter Schreier, der u.a. mit seiner Ausgestaltung der Evangelistenpartien in J.S. Bachs Passionen zu internationalem Ruhm gelangte ... und natürlich der in Dresden aufgewachsene Richard Wagner.
Die Ära R.W. Bald nach der Geburt Richards war die Familie 1814 nach Dresden gezogen, wo der Junge 1822 in die Kreuzschule aufgenommen wurde. Eine Mitwirkung in dem Kreuzchor ist interessanter Weise bis 1827, als Wagner die Stadt gen Leipzig verließ, nicht zu Stande gekommen. Während der zweiten Periode seines Aufenthalts (1843-49) wurde er zum Königlich-Sächsischen Hofkapellmeister ernannt und sollte fortan eine "künstlerische Reorganisation des hiesigen Musiklebens" einleiten. Daß er dieses ehrenvolle Amt annahm, erstaunt, wenn man sich eine 1842 niedergeschriebene Briefstelle Wagners vor Augen führt, in der er über die Dresdner Verhältnisse schimpfte: "Das ist ein verfluchtes Volk, diese Sachsen – schmierig, dehnig, plump und grob – was habe ich mit ihnen zu tun"? Immerhin ermöglichte ihm diese Stadt die Uraufführungen von "Rienzi" (1842), dem "Fliegenden Holländer" (1843) und "Tannhäuser" (1845), bevor Wagner wegen seiner Teilnahme am Maiaufstand aus Dresden fliehen mußte. 1843 entstand übrigens auch seine populärste Chorkomposition "Das Liebesmahl der Apostel", die am 6. Juli des gleichen Jahres mit 1.200 Sängern und 100 Instrumentalisten in der Frauenkirche uraufgeführt wurde. Eine solch stattliche Zahl von Choristen würde sich angesichts der sehr lebendigen Gesangskultur sicher auch in unseren Tagen wieder in dieser Stadt zusammenfinden ...
Die aktuelle Chorszene Neben dem legendären Kreuzchor haben sich mittlerweile Dresdner Vokalensembles wie der Domchor, Kammerchor, Kathedralchor, die Singakademie oder die Kapellknaben einen überregionalen Namen gemacht. Und dabei steht durchaus nicht nur die Pflege alter Meister im Mittelpunkt. Der Kreuzchor, dessen Leiter traditionsgemäß das Repertoire immer auch mit eigenen Werken erweitern soll, wirkte nach 1945 u.a. bei den Uraufführungen von Wolfgang Fortners "Deutscher Liedermesse" (1935) oder Mikis Theodorakis’ Sinfonie Nr. 5 "Pro Pace" (1983) mit. Der 1985 von Hans Christoph Rademann gegründete Dresdner Kammerchor war in den letzten Jahren bei Erst- bzw. Uraufführungen der Werke von Hermann Berlinski ("Das Bonhoeffer-Triptychon" und "Prager Kantate") bzw. von Christian Münch ("Canto") beteiligt. Das große städtische Musikengagement dokumentiert sich auch weit über die Landesgrenzen hinaus in den jährlichen stattfindenden Festivals wie den "Dresdner Musikfestspielen" (Mai/Juni), dem "Sächsisch-Böhmischen Musikfestival" (Juni/Juli) oder den "Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik" (Oktober). [Alexander Reischert; erschienen in Cantate] |
|