Antonio Salieri

"Posthumer Rufmord"

"Er ist ein höchst liebenswürdiger Mensch. Freundlich und gefällig wohlwollend, lebensfroh, witzig, ... ein feines, niedlich gebautes Männchen mit feurig blitzenden Augen, gebräunter Hautfarbe, immer nett und reinlich, lebhaften Temperaments, leicht aufbrausend, aber ebenso leicht zu versöhnen." Wer hätte vermutet, daß bei dieser zeitgenössischen Schilderung von dem vor 250 Jahren geborenen Antonio Salieri die Rede ist, jenem Mann, der bis heute fast ausschließlich als Rivale, ja sogar als vermeintlicher Mörder Mozarts in den Köpfen der Musikwelt herumgeistert.

Antonio Salieri wurde am 18. August 1750 im italienischen Legnago geboren. Der Kaufmannssohn entstammte einer kinderreichen Familie (man spricht von neun oder zehn Geschwistern), und so traf es sich, daß zunächst der älteste Bruder für die musikalische Ausbildung Antonios abgestellt wurde. Dieser vermittelte ihm erste Kenntnisse im Cembalo- und Violinspiel sowie im Gesang, bevor sich der örtliche Organist - ein Schüler von Padre Martini - des Sprößlings annahm und ihm Klavierunterricht erteilte.

Glücksfall Zwangsadoption
Im Alter von 15 Jahren wurde Antonio Salieri Vollwaise. Doch er hatte Glück im Unglück und fand bei einer der reichsten und einflußreichsten Familien Venedigs ein neues Zuhause. Diese legte größten Wert auf die musikalische Förderung Antonios: Sie stellte namhafte Lehrer ein und wollte es ihrem Ziehsohn zudem ermöglichen, seine Kenntnisse in Neapel, der damals führenden italienischen Musikmetropole, zu vervollkommnen. Doch noch während er sich 1766 auf den dortigen Aufenthalt vorbereitete, wurde der Wiener Opernkomponist Florian Leopold Gaßmann auf den 16-jährigen aufmerksam, bot sich ihm als Lehrer an und nahm ihn schließlich mit in die österreichische Hauptstadt. Neben einer grundlegenden Ausbildung in musikalischer Satzkunst führte Gaßmann, selbst Kaiserlicher Kapellmeister, seinen Schüler bei den Kammermusiken Josephs II. ein. Hier lernte Salieri so bedeutende Persönlichkeiten wie Pietro Antonio Metastasio oder Christoph Willibald Gluck kennen; letzter sollte sein Gönner und Freund werden.
Wohl nicht zuletzt dessen Einfluß ist es zu verdanken, daß sich Salieri kurze Zeit später an seine ersten Opernkompositionen begab, hatte er doch bis dato – wohl mehr zu Übungszwecken – lediglich kleinere Werke wie z.B. eine Messe für A-cappella-Chor sowie ein instrumentalbegleitetes "Tantum ergo" und ein "Salve Regina" verfaßt. Mit seiner Oper "Armida" aus dem Jahre 1771 wagte er sich schließlich erstmals an die Öffentlichkeit, und das Bühnenwerk war auf Anhieb derart erfolgreich, daß man dem Italiener eine Stelle an der Gustavianischen Oper in Stockholm anbot, die er jedoch ablehnte. Als aber nach dem Tode seines Lehrers Gaßmann 1774 der Posten des Hofkompositeurs und Kapellmeisters der italienischen Oper in Wien vakant wurde, griff Salieri zu. Mit Übernahme dieser Stellung wuchs auch sein Ruf als Bühnenkomponist. Dies rührte nicht zuletzt daher, daß ihm u.a. die Aufgabe zukam, bei Programmänderungen oder zur Auffüllung von Spielplanlücken selbst als Komponist einzuspringen und auf die Schnelle Opern zu schreiben und diese einzustudieren. So entstanden insgesamt etwa 40 Bühnenwerke, die zum einen von der Tradition der italienischen "Opera seria" beeinflußt sind, zum anderen Züge der Gluckschen "Tragédie lyrique" tragen. Mit letzterer Gattung konnte der als sehr experimentierfreudig geltende Salieri große Erfolge feiern, so z.B. mit den für die Pariser Oper komponierten Werken "Les Danaides" (1784) und "Tarare" (1787).

Im Zentrum der Macht
1788 – im gleichen Jahr, als der Italiener die Präsidentschaft der Wiener Tonkünstler-Societät übernahm – erfolgte Salieris Ernennung zum Hofkapellmeister. Zwei Jahre später trat er von der Opernleitung zurück, um sich fortan ganz der kaiserlichen Hofkapelle widmen zu können. Dies tat er insgesamt 36 Jahre lang nicht nur in der Funktion als Dirigent, sondern auch als Verwalter von Kapelle und Archiv. Zudem engagierte er sich für die sozialen Belange der Musiker sowie für die Förderung des künstlerischen Nachwuchses.
Salieri war erst 50 Jahre alt, als seine kompositorische Schaffenskraft spürbar erlahmte und er sich nicht mehr an große Werke herantraute. Er begnügte sich fortan mit der Komposition von geistlichen Stücken sowie Gelegenheitswerken. Dafür widmete er sich nun verstärkt der Gesangsausbildung und brachte einige bedeutende SängerInnen hervor. Große Wertschätzung erfuhr Salieri zudem als Kompositionslehrer; zu seinen über 50 Schülern zählten u.a. Ludwig van Beethoven, Carl Czerny, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Ignaz Moscheles, Franz Schubert und Giacomo Meyerbeer. Auch in der Funktion als Musikorganisator war Salieri ein gefragter Mann. Er gehörte u.a. dem Gründungskomitee des Wiener Konservatoriums an und rief die Gesellschaft der Musikfreunde mit ins Leben, deren Chorübungen er zwischen 1813 und 1825 leitete.

Schicksal Mozart
Merkwürdig mutet es da schon an, daß Salieri erwiesenermaßen eifersüchtig auf den fast gleichaltrigen Mozart gewesen ist, war der Italiener doch über dreißig Jahre lang eine der zentralen Figuren im Wiener Musikleben, sei es als Opernkomponist oder Theaterkapellmeister, als Gesangs- und Kompositionslehrer oder in der Funktion als Musikorganisator. Daß die Rivalität zwischen Mozart und dem als überaus liebenswürdig und gutmütig bekannten Salieri aber in einem Giftmord gegipfelt haben soll, ist wohl nicht mehr als eine Legende, welcher der Italiener allerdings selbst den Stoff geboten hat: Salieri, der in seinen letzten Lebensjahren an Depressionen litt und geistig verwirrt war, beschuldigte sich wiederholt selbst, an Mozarts frühem Tod mitschuldig gewesen zu sein. So berichtete der Beethoven-Biograph Anton Schindler: "Mit Salieri geht es wieder sehr schlecht. Er ist ganz zerrüttet. Er phantasiert stets, daß er an dem Tode Mozarts schuld sei und ihn mit Gift vergeben habe. Dies ist Wahrheit – denn er will dies als solche beichten." In lichteren Momenten nahm Salieri jedoch diese Selbstbezichtigung zurück: "Sie wissen ja - Mozart, ich soll ihn vergiftet haben. Aber nein, Bosheit, lauter Bosheit, sagen Sie es der Welt, lieber Moscheles; der alte Salieri, der bald stirbt, hat es Ihnen gesagt."
Dieses Gespräch mit Ignaz Moscheles sollte Salieris Vermächtnis werden. Er starb zwei Jahre später am 7. Mai 1825 in völliger geistiger Umnachtung.
[Annett Reischert, erschienen in: Cantate]

Buch-Tipps

Unbestritten ist die Biographie von Volkmar Braunbehrens das Standardwerk der Salieri-Literatur: konkurrenzlos ebenso in seiner sachlichen Analyse der überlieferten Dokumente wie in der farbigen und historisch zuverlässigen Schilderung der Zeitumstände, dazu verpackt in einem dankbar flüssigen Schreibstil. Wer sich sozusagen "authentisch" in die Zeit Salieris zurückversetzen möchte, dem sei die allererste Biographie von Ignaz Franz von Mosel ans Herz gelegt, die bereits zwei Jahre nach dem Tod Salieris erschien. Dieses Werk gilt auch heute noch als eine der wichtigsten Quellen, denn dem Autor wurden seinerzeit von den Erben sämtliche Autographe und nachgelassenen Papiere Salieris zur Verfügung gestellt. 
Volkmar Braunbehrens:
"Salieri – Ein Musiker im Schatten Mozarts?"
Piper Schott 8322 (kart.)
ISBN 3-7957-8322-4 
Ignaz Franz Edler von Mosel:
"Über das Leben und die Werke des Anton Salieri" (Nachdruck von 1827)
K.H. Bock Verlag (geb.)
ISBN 3-87066-494-0  



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