Ullmann-Biografie

Ein Musikerleben im KZ

Viktor Ullmann (1898-1944), dessen musikalische Hinterlassenschaft in den letzten Jahren verstärkte Aufmerksamkeit erfahren hat, war einer jener Künstler, denen es zeitlebens nicht gelang, ein privates wie künstlerisches Zuhause zu finden. Im schlesischen Teschen geboren suchte der Musiker sein Glück zunächst in Prag, dann Wien, wieder Prag, Aussig, Stuttgart und nochmals Prag ... bevor das KZ Theresienstadt Ullmanns letzter Aufenthaltsort wurde. Diesen ergreifenden Lebenslauf des "fremden Passagiers" – so betitelte Ullmann sein Tagebuch – stellt Verena Naegele ins Zentrum ihres Buches, schränkt aber auch gleich ein, daß es sich angesichts der spärlichen Dokumentationslage zu dieser ruhelosen Künstlerpersönlichkeit nicht um eine Biographie im herkömmlichen Sinne handeln kann.
Den Mehrwert – und davon sollte man bei diesem Buch reden – bilden die Zeitdarstellungen vom untergehenden k. u. k.-Herrschaftssystem sowie jene letzte biographische "Epoche" im Konzentrationslager, die erstaunlicherweise keinen resignierten oder verstummten Künstler zeigt: "Ich habe in Theresienstadt ziemlich viel neue Musik geschrieben ... zu betonen ist ..., daß wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und daß unser Kunstwille unserem Lebenswillen adäquat war." Angesicht der dürftigen Quellen ist Naegele ein erstaunlich umfang- und facettenreiches Buch gelungen, das in wissenschaftlicher Manier einzelne Zitate gewissenhaft nachweist.
Kleinere Unterlassungssünden oder Fehler, wie sie der Autorin vom "Förderverein für NS-verfolgte Komponisten und ihre Werke e.V." vorgeworfen wurden, bleiben bei einer solchen Pionierarbeit kaum aus, fallen aber für das Gros der Leserschaft nicht ins Gewicht. Dieses Buch ist eben viel mehr als ein wissenschaftlich belegter Lebenslauf – und so auch weit über die Fraktion der Musikfreunde von Interesse. [art]

Verena Naegele: Viktor Ullmann – Komponieren in verlorener Zeit
Dittrich-Verlag, geb. 496 Seiten (ISBN 3-920862-40-6)
€ 28,-


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