Vier Dirgentenbiografien

Elisabeth Heresch: "Wladimir Fedosejew, Maestro" (ISBN 3-205-99032-3). 238 Seiten, geb., Böhlau Verlag Wien (€ 29,90)

Johannes Forner: "Kurt Masur. Zeiten und Klänge" (ISBN 3-549-07153-1). 406 Seiten, geb., Propyläen Verlag (€ 25,-)

Nicholas Kenyon: "Simon Rattle. Abenteuer der Musik" (ISBN 3-89487-437-6). 336 Seiten, geb., Henschel Verlag Berlin (€ 25,-)

Dirk Stöve: "Meine herrliche Kapelle. Otmar Suitner und die Staatskapelle Berlin" (ISBN 3-89487-424-4). 128 Seiten, geb., Henschel Verlag Berlin (€ 16,90)



Im Zentrum der musikalischen Macht

"Wir müssen uns bewußt sein, daß der Dirigent heute – im Positiven wie im Negativen – zu einer der wichtigsten und verantwortlichsten Persönlichkeiten der musikalischen Welt geworden ist, der ... wesentlich zu einem wirklichen musikalischen Verständnis des Musikpublikums beitragen kann. Andererseits können Aufführungen, die lediglich dem Ausdruck der Eitelkeit eines Stars dienen, uns nur weiter von dem einen Ziel abbringen, daß das Ideal aller echten Musiker sein sollte: jener großen Kunst zu dienen, für die wir das Vorrecht haben, sie auszuüben." Diese durchaus selbstkritische Einschätzung eines der Großen der internationalen Dirigentenszene, des 1970 verstorbenen Briten Sir John Barbirolli, sollte gerade jetzt wieder das erwartungsvolle Leserauge schärfen angesichts einer wahren Flut neuer Dirigentenbiografien. CANTATE hat für Sie einen selektiven Blick riskiert.

Pünktlich zum 70. Geburtstag publiziert Elisabeth Herschel ihr Portrait des russischen Maestros Wladimir Fedosejew, der als Chefdirigent sowohl dem Moskauer Tschaikowsky-Sinfonieorchester als auch den Wiener Symphonikern vorsteht. Ihr gelang ein wunderbar flüssig geschriebenes Buch, das ohne jede Langatmigkeit einem "großen Charismatiker unter den Musikern" nahekommt. Der Mut zur Kürze – die eigentliche Biografie endet auf S. 147 – wird editorisch vorbildlich aufgefangen durch einen ausführlichen Appendix mit kompletten Interviews, einer Diskografie und Zitaten aus der langjährigen Probenarbeit ... so fragte Fedosejew z.B. während seiner Einstudierung der "Missa solemnis": "Warum singen Sie Crescendo, je mehr Stimmen hinzukommen? Warum spielen Sie mit den Muskeln – im Gegenteil! Göttliches Flüstern – nichts anderes darf das sein! Beethoven war hier schon so gut wie gehörlos, und das ist schon seine Kommunikation mit Gott."

Als das dirigentische Buchereignis des Jahres gilt die Biografie von Johannes Forner über Kurt Masur mit ihrem Untertitel "Zeiten und Klänge". Natürlich auch deshalb, weil mit dieser einzigartigen internationalen Musikerkarriere eine während der Wendezeit wider Willen ins öffentliche Rampenlicht gerückte politische Persönlichkeit untrennbar verbunden ist. Stärker als bei den übrigen Neuerscheinungen wird hier die Person des Dirigenten zum Medium für die Schilderung von einem halben Jahrhundert deutsch(-amerikanischer) Musizierpraxis und Kulturpolitik. Bewegendstes Beispiel dafür ist Masurs Reflexion über seine Aufführung des "Deutschen Requiems" neun Tage nach den New Yorker Terroranschlägen: "Wann begegnet man einem Publikum, das gemeinsam in einer furchtbaren Weise mit dem Tod konfrontiert ist ... Zuhörer und Interpreten wurden eins in dem gemeinsamen Erleben einer Musik, die ihnen zwar kein Vergessen bescherte, die ihnen aber Hoffnung gab für das Weiterleben und darauf, daß es auch wieder Zeiten geben wird, in denen man lernt zu lächeln oder zu lachen".

Mit Simon Rattle steht dem Hausorchester der deutschen Hauptstadt nach Claudio Abbado nun eine neue Dirigentengeneration ins Haus. Schon aus Neugier auf den erst 47jährigen eloquenten Leiter der Berliner Philharmoniker lohnt ein Blick in das Buch des renommierten Musikkritikers Nicholas Kenyon, der als die Kapazität in Sachen Rattle gilt. Angesichts der zahllosen ausgedehnten Zitateinschübe liest sich das Buch weniger linear, als man es sich zuweilen wünschte; dafür aber wartet es ständig mit unerwarteten Bonmots, Urteilen über und von Kollegen bzw. Rezensenten, persönlichen Gedanken bzgl. des Repertoires oder der aktuellen Musikszene auf ... dazu eine Rattlesche Leseprobe: "Der Konzertbesuch wird immer ein Element von Festlichkeit behalten. Er wird die Leute in einem lärmenden Zeitalter daran erinnern, daß es einen Ort gibt, an dem Stille notwendig ist, und daß in der modernen Welt Orte, an denen es zehn Sekunden Stille gibt, schockierend ungewöhnlich geworden sind."

Auch bei Otmar Suitner war ein runder Geburtstag Anlaß genug, den nun 80jährigen Maestro mit einer Biografie zu ehren. Der in Innsbruck geborene Pianist und Dirigent prägte mit seinem 26 Jahre andauernden Engagement bei der Berliner Staatskapelle wesentlich das klassische Musikleben der DDR. Dieses auch im Hinblick auf die deutsch-deutsche (Kultur-)Vergangenheit bedeutende Lebensbild wird durch Erinnerungen von Weggefährten (ab S. 99) abgerundet; so notiert der ehemalige Chordirektor Ernst Stoy: "Fern von jeglichem intellektuellen Kalkül, Ausstellen von Effekten wurden seine Interpretationen durchdrungen von seiner Wahrhaftigkeit und Gestaltungskraft ... Sein untrüglicher Klangsinn akzeptierte auch vom Chor nur engagiertes Musizieren im Sinne des Werkes."

Die Lektüre dieser Neuerscheinungen – natürlich in Verbindung mit dem entsprechenden Hörerlebnis – bestätigt in jedem dieser Fälle Ingeborg Bachmanns poetische Charakterisierung jener musikalischen Spezies: "Der Dirigent ist als Magier am Werk. Er hält seine Hände beschwörend hoch, bis die Musik wetterleuchtet und donnert." [art]


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