Musik-Enzyklopädie

"85cm Regalplatz"

"The New Grove Dictionary of Music and Musiciens" ist ein 20-bändiges Lexikon, mit dem man sich das fokussierte Wissen von Generationen von Musikwissenschaftlern nach Hause holen kann. Mit dem leicht faden Beigeschmack: alles in englischer Sprache. Doch für den, der die englische Sprache auch nur halbwegs beherrscht, sollte das in keinem Fall ein Hindernis sein, dieses faszinierende Kaleidskop der gesamten Musikgeschichte in die Hand zu nehmen, um darin zu schmökern und neben Bekanntem auch vieles dem Vergessen Anheimgefallenes wiederzuentdecken.

Was ist der “New Grove”?
Um mit harten Fakten zu antworten: Eine im Jahre 1980 abgeschlossenene Enzyklopädie mit 22.500 Artikeleinträgen, 4.500 Illustrationen und Bildern, 3.000 Musikbeispielen und mehr als 9.000 Querverweisen. Neben Biographien zu Komponisten oder Interpreten findet man Sachartikel zu Instrumenten, musikalischen Gattungen oder zur Geschichte bedeutender Musikmetropolen wie London, Paris, New York, Wien oder Dresden – und dies alles leicht auffindbar in alphabetischer Abfolge. Dabei sind das Layout und die übersichtliche Gliederung der Beiträge sehr augenfreundlich (im Gegensatz etwa zum älteren MGG).

Wer war der Namensgeber Grove?
Sir George Grove (1820-1900) gilt als einer der Urväter der Musikenzyklopädie, so wie wir sie heute kennen. Zwischen 1879 und 1889 gab der Musikforscher, der 1883 zum Direktor des Royal College of Music in London ernannt wurde, ein 4bändiges "Dictionary of Music and Musiciens" heraus, das den folgenden "Neuauflagen" bis zu der hier besprochenen ihren Namen gab; die vorliegende 20bändige Edition wurde von Stanley Sadie herausgegeben.

Was bietet der “New Grove” dem Chormusikfreund?
Natürlich finden sich ausführliche Abhandlungen (incl. Hinweise auf weiterführende Literatur) zu zentralen Begriffen der Chormusik wie Messe, Kantate oder Oratorium. Weiterhin ist es möglich, sich einmal einen systematischen Überblick über die zahlreichen Haydnschen Meßkompositionen, ihre Besetzungen oder die Entstehungszeit zu verschaffen (Stichwort: Haydn, Joseph) oder endlich zu erfahren, wer Werke wie den "Actus Tragicus", die "Heiligmesse" oder die "Weiße Messe" komponiert hat, von denen einem nur der Titel geläufig ist (Stichwort: "Nicknamed and titled compositions"). Unter dem Stichwort "Chorus" findet sich eine 26seitige Abhandlung über die Geschichte des Chorwesens und -gesangs von der Antike bis heute, illustriert mit 9 zum Teil erheiternden Abbildungen. Und ein Aktualitätstest: Auch zum Dirigenten Helmuth Rilling ist ein Eintrag vorhanden, der allerdings gleichzeitig die natürliche Grenze eines solchen Buchwerks offenbart: den Redaktionsschluß. Und so muß man sich bewußt vor Augen halten, daß die hier vorliegenden Informationen im besten Fall rund 20 Jahre alt sind, was für das Gros der Artikeleinträge allerdings unproblematisch ist, da sie sich mit einer Musikkultur befassen, die zum überwiegenden Teil selbst vor 100 bis 400 Jahren ihre Blütezeit erlebte.

Fazit: Dieses Standardwerk der Musikwissenschaft kann jedem Musikinteressierten nur engstens ans Herz gelegt werden, falls er des Englischen leidlich mächtig ist, DM 980,- entbehren kann (geb. DM 1.595,-) und rund 85cm freien Regalplatz zur Verfügung hat.


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