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Es ist erstaunlich, daß sich die deutsche Verlagslandschaft zu Beginn des Berlioz-Jubiläumsjahres offensichtlich noch in der Winterstarre befindet. Anders läßt es sich kaum erklären, daß dieser neben Robert Schumann wohl einzigartigen romantischen Doppelbegabung als Komponist und Musikschriftsteller lediglich zwei Buchnovitäten gewidmet sind. Eine davon ist die im Hainholz-Verlag erschienene Sammlung mit Texten zur Berlioz-Rezeption in Deutschland – und damit auch zu jener Lebensphase, während der er seiner bedrückenden Existenz in Paris vorübergehend entfliehen konnte.
Neben Abhandlungen von zeitgenössischen Kollegen wie Adolph Bernhard Marx, François Joseph Fétis, Robert Schumann und Richard Wagner oder den Dichtergrößen Ludwig Börne bzw. Heinrich Heine versammelt diese Publikation auch zwei Berlioz-eigene Abhandlungen zwischen ihren Buchdeckeln: die schon legendäre "Kunst der Instrumentierung" sowie die Briefsammlung "Musikalische Reise in Deutschland" (beide von 1843). Letztere liefert hochinteressante Einblicke z.B. auch in die (chorische) Berliner Musizierpraxis: "An den Tagen gewöhnlicher Vorstellungen besteht der Chor nur aus 60 Stimmen; allein wenn man die großen Opern in Gegenwart des Königs aufführt, wird die Stärke des Chors verdoppelt ... Die meisten Choristen ... sind musikalisch, zwar minder geschickte Notenleser als in der Opera zu Paris, aber weit mehr in der Singkunst geübt ... Es ist der schönste Theaterchor, den ich noch gehört habe."
Aber auch der ebenfalls integrierte, mit 250 Seiten erfreulich umfangreiche Pressespiegel eröffnet nicht nur einen zeitgenössischen Blick auf den Jubilar, sondern ermöglicht auch Einsichten in die damals hierzulande herrschende Musikästhetik. Abgesehen von dem hohen editorischen Wert und eingelösten wissenschaftlichen Anspruch beweist diese Publikation, daß die Beziehung zwischen Berlioz und Deutschland weit mehr war als nur eine kleine biographische Episode. Und vielleicht bewirken derartige Einsichten bei uns auch wieder ein verstärkte praktische Beschäftigung mit dem faszinierenden (Chor-)Schaffen des Franzosen. [art]
Hector Berlioz in Deutschland. Texte und Dokumente zur deutschen Berlioz-Rezeption (1829-1843), hrsg. von Gunther Braam und Arnold Jacobshagen Hainholz Verlag, geb. 641 Seiten (ISBN 3-932622-42-1) € 99,- |
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